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Verschenkt

Gerd Fleischmann

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Weidemilch

Der digitale Setzkasten bietet mehr als der DUDEN. Um Bedeutungen zu unterscheiden oder Inhalte hervorzuheben, gibt es neben den ›Tüttelchen‹, den einfachen, den doppelten, den deutschen und den französischen Anführungszeichen kursiv, halbfett und fett – wenn man in einer Schriftfamilie bleiben will. Die Logik des ersten Absatzes auf der blauen Milchverpackung leuchtet bei genauem Hinsehen nicht ein, wenn mit dem Begriff ›Weidemilch‹ dafür geworben werden soll, dass die Kühe draußen herumlaufen und frisches Gras fressen. Dass sie in der Eider-Treene-Sorge-Region (wie es richtig gesetzt werden sollte) zu Hause sind, heißt noch lange nicht, dass sie auf Weiden stehen und fressen. Das ist Werbetext. Dass aber das Schlüsselwort zweimal in der gleichen Form zu sehen ist, macht nichts Besonderes aus der apostrophierten Weidemilch. Je öfter ich das lese, desto mehr drängt sich der Wahn auf, ob wohl die Weide gemolken wird und Milch gibt. Ich kenne Kuh-, Ziegen-, Schafs- und Eselsmich, um nur ein paar zu nennen.

Um den Werbebegriff hervorzuheben, wäre gerader Satz für den Text und Weidemilch kursiv weit attraktiver als ihn bei der zweiten Nennung mit doppelten Anführungszeichen zu garnieren. Im dritten Absatz kommen diese dann noch einmal vor, vorne allerdings mit einem Wortzwischenraum zuviel. Um das Argument im dritten Absatz zu verstehen, müsste man wissen, wohin die Milch transportiert wird – und was kurz oder gar »extrem kurz« heißen soll.

Für die Käufer entscheidet am Ende der Preis, wenn in einem Supermarkt in Lüneburg oder Rostock daneben Bärenmarke, Milch aus dem Allgäu, steht.

Mehr zu ›Tüttelchen‹ und den Reichtum des Gebrauchs typografischer Zeichen und Formen zur Orientierung in Texten und zur Klärung von Inhalten  in meinem Beitrag auf der TURN DESIGN Conference 2014 in München.

Typografie. Schafft Klarheit!

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