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Ekphrasis

Der Schuh von Kathrin Hirche 20,9 x 14,4 cm, Filzstift über Bleistift-Vorzeichnung, Schülerinnenarbeit aus dem Kunstunterricht von Karola Herden

Auffällig an dem farbigen Blatt sind einmal das Kreuz an Stelle des T, das strenge grüne Rechteck als Absatz in dem sonst naturalistischen Bild des Turnschuhs, die ausgefüllten Punzen von D und R und die dünnen ›Beine‹ der Rs. Buchstaben sind Formen, die Kinder mit Bedeutung füllen – aber nicht nur Kinder. Johannes Itten hat in seinen ›Analysen alter Meister‹ in dem UTOPIA-Heft I–II die Erlebnisse in der Betrachtung von fünf Bildern in Schriftformen und graphischen Spuren dargestellt, die mehr sind als bloße Beschreibungen – Ekphrasis. Er war ein Meister darin, »formalästhetische Gesetzmäßigkeiten mit einer größtmöglichen Erlebnisintensität zu verbinden. [… In seiner Lehre sollten] Kunstschaffen, Weltschöpfung und Ich-Erfahrung ineinandergreifen. Techniken des Schreibens und Malens sind bei Itten demnach integrale Bestandteile eines übergeordneten Konzepts der Ganzheit, durch das die ›Zusammenhänge aller Künste als ein ursprünglich einheitlich Bedingtes‹ einsichtig werden.« (Christoph Kleinschmidt)

Am frühen Bauhaus in Weimar gab es Schrift und Druck nur als Kunst. Auch Oskar Schlemmer hat den Zauber der Form in den Schriftzeichen gefunden, wie sein bildhafter Titel der Vorzugsausgabe von UTOPIA zeigt. Eine Ausnahme sind die Notgeldscheine 1923 von Herbert Bayer, der damals noch Student war – eigentlich Lehrling oder Schüler. Erst mit László Moholy-Nagy zog die Technik ein, die neue Typographie. Aber erst in Dessau hatte das Bauhaus eine eigene Buchdruck-Werkstatt.

Die ganze Entwicklung ist wunderbar dargestellt und beschrieben in dem Buch Das A und O des Bauhauses. Bauhauswerbung, Schriftbilder, Drucksachen, Ausstellungsdesign, herausgegeben von Ute Brüning, 1995 – elf Jahre nach der ersten umfangreichen Publikation zum Thema in der Edition Marzona.

Alles, was wir über Schrift und Typografie am Bauhaus wissen, können wir nachlesen. Nach dem Jubiläumsjahr hat die Anzahl gedruckter und online-Publikationen weiter zugenommen. Trotzdem lohnt es zuzuhören und zuzuschauen, wenn das Thema mit einer unmittelbaren, direkten Ansprache vorgetragen wird. Eine Chance zur Ekphrasis:  Donnerstag, 19. März 2020, 18–20 Uhr, Kunstforum Hermann Stenner, Bielefeld, Anmeldung unter info@kunstforum-hermann-stenner.de oder 0521 800660-0.

Längst abgesagt. Als neuer Termin ist der 18. Juni vorgesehen. So ganz daran glauben kann ich heute nicht mehr. Bleibt gesund!

Gerd Fleischmann

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