tgm 125 Jahre

Gerd Fleischmann

Herbet Spencer: Titel der Zeitschrift Typographica, No. 5, 1952, mit einem Beitrag von max Bill: Typography to–day.

Herbet Spencer: Titel der Zeitschrift Typographica, No. 5, 1952, mit einem Beitrag von max bill: Typography to–day. Archiv Marzona, Berlin.

Geschichte als Selbstvergewisserung: Purpose and Pleasure. Nützlichkeit und Schönheit, wie Hans Eckstein Design sieht oder Yasha Mounk das Ziel von Bildung. Ein Vorschlag an die tgm, die Typografische Gesellschaft München: … sicher sind die Überlegungen, wie das Jubiläum gefeiert werden soll, noch nicht in Blei gegossen – um im Bild zu bleiben. Bei der Aufgabe, die Geschichte der Typografie von 1890 bis heute darzustellen, geht mir durch den Kopf: Für wen und wozu? Was ist das Ziel, in welcher Form und in welchem Umfang, welcher Tiefe soll das geschehen? Beschränkt auf Deutschland?

Ich denke, das Thema sollte innerhalb der etwa 1.200 Mitglieder der tgm in fünf Runden nach dem Konzept der Schwarmintelligenz bearbeitet und keine One-Man-Show werden.

1. Runde: Stichwörter sammeln, die zur Darstellung der Geschichte der Typografie von 1890 bis heute behandelt werden sollen – die Liste unten ist ein erster Kristallisationskern. / 2. Runde: Mitglieder übernehmen einzelne Stichwörter. Bei Mehrfachbewerbungen werden Gruppen gebildet. / 3. Runde: Artikel und Bildstrecken zu den Stichwörtern, die von einzelnen Mitgliedern oder auch mehreren verfasst werden. / 4. Runde: Lektorat und redaktionelle Bearbeitung. / 5. Runde: Korrekturen und Freigaben – im Netz bleibt die Geschichte weiter offen für Ergänzungen.

Die erste Runde würde der Vorstand der tgm einleiten mit einer eMail-Einladung an alle Mitglieder und der ersten Liste von Stichwörtern, die ich vorbereite. Wer nur auf Papier zu erreichen ist, wird informiert und eingeladen, kann aber nur dann teilnehmen, wenn er oder sie für die weiteren Runden einen Account nutzen kann. Ergebnis soll sein, dass die Liste der Stichwörter ergänzt, korrigiert und geschlossen wird. / Die zweite Runde ist die Stunde der Wahrheit: Finden sich innerhalb der tgm genug Autorinnen und Autoren, die für Gottes Lohn Beiträge schreiben, Abbildungen und die zugehörigen Rechte besorgen? Wenn das nicht der Fall ist, dann bleibt die Geschichte ein Fragment. Die fehlenden Stichwörter könnten dann in Form von Kurzvorträgen oder Zwischenrufen auf der Veranstaltung ergänzt werden. / In der dritten Runde sind die einzelnen Autorinnen und Autoren auf sich gestellt, wenn sie nicht da Glück haben, Partner zu ihren Stichwörtern gefunden zu haben. / Die vierte Runde ist eine Herausforderung für mich – ich hoffe, ich bin gescheit genug für das Lektorat. / Die fünfte Runde bietet die Chance, gemeinsam Fehler zu korrigieren werden, da nun alle Bearbeiterinnen und Bearbeiter alles lesen können – und sollen. Wer das Ergebnis präsentiert und wie wird sich aus dem Prozess entwickeln.

Dazu hätte ich Lust. Alleine mich hinzusetzen ist auf der einen Seite langweilig, auf der anderen würde mir die Zeit fehlen, die 125 Jahre Geschichte der Typografie kompetent, verständlich und auch noch interessant darzustellen. Hier nun eine erste Liste von Stichwörtern:

Der typografische Alltag 1890
Buchkunstbewegung
(William Morris, Carl Ernst Poeschel, Harry Graf Kessler)
Pan
Simplizissimus
Les mots en liberté (Filippo Tommaso Marinetti)
›Kriegserfrischungen‹ (Stollwerk-Anzeige in der Osnabrücker Zeitung 1914)
Dada
Bauhaus
Avantgarden in Europa – nicht nur in Deutschland
Officina Bodoni
The Crystal Goblet (Beatrice Warde aka Paul Beaujon, 1932)
Typografie im NS-Staat
Schrifterlass 1941
USA (Herbert Bayer, Ladislav Sutnar)
Max Bill ./. Jan Tschichold 1946
Penguin paperbacks
BILD
rororo
Helvetic
Swiss
Ulm
Twen
Fotosatz
Macintosh
New Wave
Wolfgang Weingart trifft April Greiman am Strand von Venice, CA.
DTP
1989 »Fotosatz, täuschend ähnlich nachgemacht.« (Erik Spiekermann als Juror beim 2. PAGE-Wettbewerb)
FontShop
David Carson
Typolexikon (Wolfgang Beinert)
Thinking Form
functional = organic
e-Books
P98A

Die tgm ist in ihrem Gründungsjahr in guter Gesellschaft: 1890 wurde der »Abwehrverein« gegründet, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus und der Deutsche Hugenotten-Verein – das Ende des 19. Jahrhunderts war die Zeit der Vereinsgründungen.

Vergeblich: »… wir haben das mit einigen Aktiven der tgm etwas hin- und her überlegt, fanden aber unter den Mitgliedern kaum welche, die mitmachen würden oder dazu auch fähig wären.« Rudolf Paulus Gorbach, 2015-02-07. Schade.