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Gleich / ungleich

Gerd Fleischmann

06weidezaun

Weidezaun aus alten Eichenpfählen und Schwartenbrettern

Auf den ersten Blick sieht alles wie eine Arbeitspause aus. An einem offenbar gerade fertig gestellten Weidezaun aus Schwartenbrettern lehnen noch unverbaute oder aussortierte Pfähle. Einige sind angespitzt, andere stumpf. Zwischen den unregelmäßig gespaltenen und krummen Eichen steht vor dem letzten rechts in der Reihe ein gerades Rundholz. Das stört. Man will es wegnehmen. Es gehört nicht dazu. Beim Zählen möchte man es auslassen und sagen, da stehen sechs Pfosten.

Was wir wahrnehmen ist Konstruktion. Der erste ›Scan‹ untersucht ein angebotenes Reizfeld auf gleiche und nicht gleiche Elemente. So sind wir eher bereit, die beiden verbauten Pfähle mit den sechs am Zaun lehnenden zusammen zu sehen, als das Rundholz den Eichenpfählen zuzuordnen. Am Ende nehmen wir es in unserer Wahrnehmung aus dem Bild und konzentrieren uns auf Gleiches. Es gelingt uns auch nicht, das Rundholz alleine zu sehen. Das hängt nun wiederum damit zusammen, dass es das gleiche ›Schicksal‹ hat, wie die anderen am Zaun lehnenden Hölzer gegenüber den beiden senkrechten, an die die Bretter genagelt sind. Der Schlüssel dazu sind die tatsächlichen Zusammenhangs- und Abgrenzungsverhältnisse, wie sie Max Wertheimer vor 100 Jahren als erster gesehen und beschrieben hat. Wolfgang Metzger hat diese Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmung in der Folge als Gestalt- bzw. Gliederungsgesetze dargestellt.

Auf einen zweiten Blick und ohne die Absicht, den Zeigefinger zu heben und schnell ans Ziel zu kommen, sah Hartwig Frankenberg noch mehr und differenzierter: In der Reihe der unregelmäßigen Eichenpfähle stehen zwei mit deutlichen Zimmermannsspuren, einer davon trägt auch noch zwei grobe Metallösen oder -bügel. Daran zeigt sich, wie sehr die Wahrnehmung von Interessen gesteuert ist. Was sieht wohl der dritte Blick?

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