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Bill Perlmutter

Fotografien von Bill Perlmutter
Europe in the Fifties. Through a Soldier’s Lens.
Galerie Hilaneh von Kories, Hamburg
23. Mai – 17. Juli 2013

Father with two children, Germany, 1955 With kind permission by the photographer © 2013 Bill Perlmutter

Father with two children, Germany, 1955
With kind permission by the photographer © 2013 Bill Perlmutter

Als ich die Fotografien von Bill Perlmutter (*1932) das erste Mal auf dem Monitor gesehen habe, habe ich sie förmlich gerochen. Ich weiß nicht, was meine Nase geritten hat. Die beiden Jungen in ihren abgetragenen Kleidern, die sich auf einem Feldweg gerade Zigaretten anzünden oder der Vater an der Straßenecke vor den Werbeschildern für Brinkmann Tabak, Zuban und Eckstein Zigaretten mit dem frei vor der Wand liegenden Abwasserrohr darunter, an der Hausecke der Hund … Street photography.

Und dann die Quadrate, das Rollei-Format. Den Apparat mit beiden Händen vor dem Bauch und die leichte Körperneigung, in der man mit dieser Kamera fotografiert. Aber auch die angehobene Kamera und der Blick durch die Lupe auf die waagerechte Mattscheibe führen zu einer leicht gebeugten Haltung – ganz anders als etwa mit einer Leica oder einer anderen Sucherkamera, mit der man aufrecht stehen bleiben kann.

Kinder fasziniert der Apparat. Sie hören auch das Aufklappen des Sucherschachtes, den Filmtransport mit der großen Kurbel oder wenn die Lupe hochgeklappt wird und der Fotograf die Kiste vor ein Auge nimmt. Sie stehen fasziniert vor ihm und so hat Bill Perlmutter sie auch in seinen Aufnahmen festgehalten.

Die Fotografien von Bill Perlmutter wirken wie schnelle Shots, sind aber wohl austarierte Einstellungen, die mit dieser wunderbaren Technik auch nicht schnell zu machen waren. Kein Motor, nach jeder Aufnahme mit der Kurbel den Verschluss neu spannen und den Film transportieren, zwölf Bilder auf einem Film, danach musste gewechselt werden. Alleine das machte es notwendig, keine Negative zu verschießen und mit Bedacht zu wählen, bevor man auf den Auslöser drückt.

Ich bin ein paar Jahre jünger als Bill Perlmutter und doch sind die Szenen auf seinen Fotos wie aus meinem Tagebuch: Zwei Alte vor einem Palazzo mit einem riesigen, vergitterten Fenster über ihnen, Zuschauer bei einem Fußballspiel mit Schwarz-Rot-Gold hinter ihnen, als es »uns« schon wieder »gut« ging, ein Priester auf dem Petersplatz in Rom, der an Don Camillo und Peppone denken lässt, jenen schlagkräftiger und schlitzohriger katholischen Priester in dem fiktiven Dorf Boscaccio und seinen kommunistischen Gegenspieler Giuseppe Bottazzi, die durch ihre gemeinsame Vergangenheit als Partisanen verbunden sind, einen spanischen Polizisten, der wie ein schlechtes Double von General Franco daher kommt, das Schwarz der Frauen in Portugal …

Die Welt in den Jahren, in denen die Fotos entstanden sind, war klein, gemessen an der Welt, in der wir heute leben. Die Weltbevölkerung Anfang der 50-er Jahre war gerade gut 2,5 Milliarden, das Durchschnittsalter weniger als 24 Jahre, 19 Einwohner je Quadratkilometer gegenüber mehr als 7 Milliarden heute, mehr als 50 je Quadratkilometer und einem Durchschnittsalter von fast 30 Jahren.

Was einfache GIs damals wohl nicht bemerkt haben, hat uns Jugendliche umgetrieben: Die Remilitarisierung Deutschlands, offiziell 1955. Die Gründung der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik am 5. Mai 1955 führten zu erheblichen innenpolitischen Auseinandersetzungen, vor allem zwischen SPD und CDU, über die Frage, ob es moralisch zu verantworten sei, dass Deutschland nach der Hitler-Diktatur jemals wieder über Streitkräfte verfügen sollte. Am 7. Juni 1955 wurde die Wehrverwaltung gegründet, am 12. November 1955 die ersten 101 Freiwilligen vereidigt. Parallel dazu wurde in der DDR die Nationale Volksarmee (NVA) aufgebaut. Deren Gründung erfolgte am 18. Januar 1956 per Gesetz (zeitlich nach der Bundeswehr). Die Aufstellung erfolgte in mehreren Etappen. Bis zum 1. März 1956 sollten die Stäbe und Verwaltungen einsatzfähig sein.

Obwohl Bill Perlmutter als (reicher) Amerikaner durch das noch vom Krieg gezeichnete Europa reiste, sah er auf die Menschen mit großer Sympathie. Er begegnete ihnen auf Augenhöhe und lässt uns heute an ihrem Alltag teilnehmen, als würden wir sie gerade treffen. Sein zufällig erscheinender Blick, seine Nicht-Inszenierung, das scheinbare Fehlen von Komposition schaffen die Nähe, die mir nicht nur den Geruch der Situationen vermittelt, sondern auch den Klang, die Schritte auf dem Pflaster, das Gegacker und Geflatter der Hühner im Hinterhof.

Bill Perlmutters Schwarz-Weiß ist so farbig, dass ich die technische Farbe nicht vermisse.

Lassen Sie sich auf die Geschichten ein, die diese Fotografien erzählen.

22. Mai 2013

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