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100 Jahre danach

Gerd Fleischmann

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Entwurf Blog Franz Vogt. Realisierung Design to Media · Sarah Rattmann

Franz Vogt war vom ersten bis zum letzten Tag des Ersten Weltkriegs als einfacher Soldat im Dienst und hat überlebt. In der Geschichte namenlos – wie mein Großvater, der Wagner, Kolonialwarenhändler und Limonadenfabrikant Christoph Nutz (1881–1964) in Roth am Sand, wie es damals noch hieß. Roth ist heute einer der größten Standorte der Bundeswehr in Bayern. Dieser Großvater ist mein Bild vom Krieg. Zeit seines Lebens musste er jeden Tag eine Wunde am linken Unterschenkel verbinden, die nie verheilte. Er war vor Verdun in einem eingestürzten Haus verschüttet worden und ein Deckenbalken hatte ihm das Bein eingeklemmt. Mehr hat er nicht gesagt – und als Kinder trauten wir uns auch nicht zu fragen. Die Geschichte war tabu. Keiner durfte in das Zimmer, wenn er sein Bein auf den Schreibtisch legte und den Verband wechselte.

In jeder Familie hat es Trauer und Verletzungen gegeben. Die Schrecken des Krieges aber haben weitere Waffengänge nicht verhindert. Und das Geschäft mit Waffen lockt nach wie vor. Die scheinheilige Vokabel ›Arbeitsplätze‹ dient als Feigenblatt. Die Schätzungen zur Gesamtzahl der Toten im Ersten Weltkrieg gehen von 9 Millionen bis hin zu 16 Millionen. Von diesen starben fast 7 Millionen Menschen in Gefechten und Kämpfen – für das jeweilige Vaterland. Keine Rede von den Müttern. Weitere zwei Millionen Kriegstote gehen auf Unfälle, Krankheiten und die Internierung in Kriegsgefangenenlagern zurück.

Die Tagebücher, Postkarten und Fotografien des Gefreiten Franz Vogt liegen nun seit 70 Jahren in der Schublade. Kaspar Wesseler sel. aus Dratum, heute ein Ortsteil von Melle in Niedersachsen, hat sie neben anderen, damals von den meisten für wertlos erachteten Dokumenten aufbewahrt und 1978 Gisela Wehmeier übergeben, die sie transkribiert, lesbar gemacht hat.

Die »Kriegserlebnisse« von Franz Vogt, Kaufmann in Gesmold und Gefreiter der Landwehr (1879–1944) werden auf den Tag genau, jeweils nach 100 Jahren, vom 2. August 2014 bis zum 16. Dezember 2018 veröffentlicht. Sie beginnen am 2. August 2014 mit dem ersten Eintrag von Franz Vogt vom 2. August 1914. Damit soll einer der Millionen Namenlosen aus dieser Katastrophe eine Stimme erhalten.

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